Perspektive Theorie
  1. Perspektivegrundlagen, Ueberschneidung, Abwinkelung
  2. Gross - Klein, Schatten
  3. Hell - Dunkel, Schatten, Flucht- und Bewegungslinien
  4. Linearperspektive, Parallelperspektive
  5. Beispiele
  6. freie Perspektive, Freihandzeichnen, Farbperspektive
  7. Zentralperspektive, Perspektivkonstruktion,
    Fluchtpunkte, Horizont, Sehstrahlen
  8. Geschichte der Perspektive, Bildebene, Dürerscheibe
  9. Perspektivkonstruktion, Beispiel
Perspektive Übungen (pdf) Bildgrammatik (pdf)
Bildebene /Dürerscheibe
Die Bildebene muss man sich als eine fiktive Fläche zwischen Betrachter und betrachtetem Umraum vorstellen. Im Normalfall steht sie im rechten Winkel zu der Blickrichtung zwischen dem Betrachter und dem betrachteten Objekt. Dort, wo die Sehstrahlen zu den Objekten die Bildebene durchstossen, liegen die entsprechenden, abbildenden Punkte (indexikalische Daten).
Albrecht Dürer hat als einer der ersten Künstler die Bildebene als technisches Hilfsmittel der perspektivischen Zeichnung verwendet. Er zeichnete auf eine vor ihm montierten Glasscheibe (Dürerscheibe) das, was er durch diese Glasscheibe sah. Dabei hielt er die Durchstosspunkte der "Sehstrahlen" durch die Bildebene direkt auf dieser fest. Im Photoapparat ist die Bildebene das Negativ (Film) oder der Sensor der Digitalkamera in der Rückwand des Apparates. Die „Sehstrahlen“ werden im Objektiv gebündelt und spiegelverkehrt auf das Negativ (den Sensor) geworfen.
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Darstellung der Dürerscheibe

Albrecht Dürer, 1525
Holzschnittillustration zu "Underweysung der Messung"
Vogel-Perspektive Frosch-Perspektive
Extreme Aufsicht auf das Objekt. Sicht eines Vogels oder von einem Flugzeug aus. Zu den Fluchtpunkten auf dem Horizont kommt der Fluchtpunkt der sich nach unten nähernden Fluchtlinien. Der Horizont kommt im Bild ganz oben zu liegen oder bleibt unsichtbar. Extreme Untersicht auf das Objekt. Sicht vom Boden aus auf die Objekte (Möbel, Gebäude, Figuren etc.). Zu den Fluchtpunkten auf dem Horizont kommt der Fluchtpunkt der sich nach oben nähernden Fluchtlinien. Der Horizont kommt im Bild ganz unten zu liegen.
Abstraktion
Jedes auch noch so genaue und naturgetreue Abbild ist eine Abstraktion des wahrgenommenen Objektes (des Abstrahierten). Innerhalb der Darstellungsarten gibt es verschiedene Abstraktionsstufen. Im Gegensatz zum Film oder der naturalistischen Skulptur stellt die Zeichnung eine sehr hohe Abstraktionsstufe dar. Die rein lineare Zeichnung ohne Tonwerte ist eine der radikalsten Abstraktionsstufen.
Der Begriff "abstrakt" in der Kunst wird nicht einheitlich verwendet. Im undifferenzierten, alltäglicher Gebrauch meint er einfach Nicht-Gegenständlich oder Nicht-Naturalistische Bilder. Richtig verwendet wird er für Bilder oder andere Werke der Visuellen Gestaltung, die im weitesten Sinn aus der Anschauung stammen. Werke der konkreten Kunst wie z.B. Max Bill oder R. P. Lohse oder des Suprematismus (Malewitsch) sind nicht abstrakt sondern eben "konkret".

Geschichte der Perspektive

Zu Beginn der Renaissance in Italien wurden in den biblischen Bildern erstmals naturalistische Räume und Landschaften dargestellt.
Mitte 14Jh. wurden die Gesetze der Perspektive von Architekten und Malern (Alberti, Vasari) erkannt und von da an konsequent angewandt. Die Perspektive ist nicht eine Erfindung, sondern die Entdeckung optischer Darstellungsprinzipien. Diese Entwicklung stand in Zusammenhang mit weiteren, zentralen naturwissenschaftlichen Entdeckungen und Forschungen, die auch von Künstlern wie Leonardo Da Vinci gemacht und dokumentiert wurden.

"Der dreidimensionale Raum ist ein Produkt der Neuzeit. Die ersten dreidimensionalen Bilder entstanden in Italien zu Beginn des 14. Jahrhunderts (erstmals bei Giotto de Bondone, zu besichtigen im Freskenzyklus in der Oberkirche der Basilika von San Francesco in Assisi). Giottos Bilder sind realistische Bilder. Er ist der erste Künstler, der Bilder richtig malt, weil er sie perspektivisch - räumlich malt. Bei ihm gibt es (erstmals!) einen einheitlichen Raum für das gesamte Bild. Alles strebt einem Fluchtpunkt zu. Giottos Bilder sind räumlich konstruierte Bilder. Alles wird einem Raum-Konzept unterworfen. Alles ist Raum und alles, was es zu sehen gibt, ist räumlich geordnet und räumlich gegliedert."
aus: http://www.nlp.at/theorie/me1/kult2.htm

Giovanni di Paolo di Grazia, um 1430, Wunder des heiligen Nikolaus *

In diesem Beispiel wurde die Zentralperspektive nur teilweise angewandt. Die vorderen Gebäudefassaden sind frontal und rechtwinklig dargestellt (blaue Linien). An die Seitenwände dürfte man dabei nicht sehen können. Einzelne Elemente laufen auf zentrale Fluchtpunte zu andere sind parallelperspektivisch oder werden gegen hinten sogar grösser (grüne Linien).

Dieric Bouts, Harlem, ca. 1440, Marienkrönung *

 

In diesem Altarbild aus dem 15 JH wurde die Zentralperspektive rel. perfekt umgesetzt. Die Teile des Innenraumes stimmen, abgesehen von kleinen Details, alle zusammen. Es ist aber keine "starre" Perspektive.

 

Die Fluchtpunkte der Bodenplatten, des leicht erhöhten Podestes und der Sitzbank der heiligen Figuren liegen alle am oberen Bildrand in der Mitte. Sie variieren leicht in der Höhe. Der Fluchtpunkt der Bank als oberstem Element ist am tiefsten. Der Horizont ist somit über den dargestellten Figuren. In den Fenstern ist jedoch nur Himmel sichtbar. Bei einem so hoch liegenden Horizont redet man von einer Vogelperspektive. Landschaft müsste sichtbar sein und die Figuren gegen unten verkürzt. Die Figuren sind aber frontal dargestellt, also von Auge zu Auge, auf gleicher Höhe wie der Betrachter.
Das ist einerseits ein Widerspruch der als Fehler ausgelegt werden könnte, als Unkenntnis der Perspektivegesetze. Andererseits erzeugen diese Widersprüche den Eindruck eines "weiten" Raumes. Wie bei einer Weitwinkelaufnahme mit starken Verzerrungen unterliegt auch dieses Bild je nach Bildteil anderen Perspektiven. Wenn der Betrachter durch das Bild wandert, stimmen die Teile. Als Ganzes betrachtet wirkt es wie eine Collage.

Albrecht Dürer, Abendmahl 1523, Holzschnitt (aus Dürer, Elektra Klett-Cotta)
"perfekte" aber starre Zentralperspektive eines Innenraumes
Albrecht Dürer, Der heilige Hieronimus im Gehäus 1514, Holzschnitt (aus Dürer, Elektra Klett-Cotta)
Zentralperspektive des Innenraumes mit zwei Fluchtpunkten für Raum und nicht-parallelstehendem Stuhl.
   
* Gemäldegalerie der Akademie der Bildenden Künste, Wien