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Bildgrammatik (Einleitung, Entwurf) Selbstverständnis BG    
Selbstverständnis des Faches BG (BG-Text)
 

Zum Selbstverständnis des Faches Bildnerische Gestaltung
Fragen und Vorbemerkungen

1 Welches ist die Stellung und Begründung der BG im Fächerkanon der Mittelschulen und mit welchen Erwartungen wird sie konfrontiert?
2 Was hat die BG mit Kunst zu tun? (zur Fächerkombination und dem Antrag der Namensänderung)
3 Haben die Mittelschulen gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen mitgetragen und was bedeuten diese für das Fach BG?

Die Fragen sind im Zusammenhang mit ähnlichen Themenstellungen innerhalb des Fachverbandes LBG-EAV aufgetaucht. Es wurde u.a. der Vorschlag gemacht, die Fachbezeichnung in Kunst zu verändern. Aber auch schulinterne Themenstellungen (KS Enge, Zürich) im Rahmen der MAR-Revision lassen den Schluss zu, dass das Fach BG einen unklaren Rückhalt geniesst.
Die vorliegenden Gedanken sind eine spontane Reaktion auf die Fragestellungen und ich verstehe sie als provokative Gegenposition zur verbreiteten Sichtweise auf unser Fach.

Das Umfeld
Der Fächerkanon an unseren Schulen ist ein über Jahrzehnte gewachsener Kompromiss der verschiedensten Partikularinteressen. Jeder Fachverband beharrt, gestützt von seinen Lobbys mit vielen plausiblen Argumenten auf der Notwendigkeit seiner Präsenz in der Allgemeinbildung und den bestehenden Stundendotationen. Wirtschaftsverbände drängen auf eine Ausrichtung der Schule auf Brauchbarkeit, Nutzen und Europatauglichkeit für die weiteren Ausbildungen und das spätere Berufsleben. Hochschulen und Universitäten fordern Vorbereitung und Grundlagen für das Studium (Schnittstellendiskussion, Standards). Erziehungsverantwortliche plädieren für Allgemeinbildung und vielfältige Unterrichtsbereiche im Hinblick auf einen Fortbestand kultureller Werte und Traditionen. Gesellschaftliche Veränderungen wie Globalisierung, Ausbreitung der Informationstechnologie und ein radikaler Wandel im Konsum- und Kommunikationsverhalten weiten das Themenspektrum weiter aus. Diese Ansprüche zusammen entfalten Widersprüche, denn die einen wollen Breite und Allgemeinbildung, andere fordern Spezialisierung in den verschiedensten Gebieten. So entstehen aus den unterschiedlichen Anliegen künstliche Konstellationen, die vermutlich weder in ihrem zeitlichen Ablauf noch in ihrem Zusammenspiel und ihren Proportionen sinnvoll sind. Der Begriff der Allgemeinbildung wird über dieses Konglomerat gestülpt und soll das Ganze rechtfertigen.
Die Ausweitung findet nicht nur allgemein, sondern auch in den Spektren der einzelnen Disziplinen statt. Unser Wissen über die Geschichte der Menschheit nimmt zu, der zeitliche Rahmen an den Schulen dies zu behandeln aber nicht. Die gestalterischen Praktiken, Medien und Möglichkeiten im Visuellen haben sich in den letzten 20 Jahren vervielfacht nachdem sie über Jahrhunderte fast gleich geblieben waren, die Zeit diese zu behandeln nimmt aber ab.
„...man darf behaupten, dass der Schaffensprozess des Künstlers noch nie in der ganzen bisherigen Geschichte der Kunst so vielfältig gewesen ist wie heute (ähnliches wäre zu sagen von der Musik), und zwar nicht nur materiell, sondern auch essentiell; unbedingte Folge der immer differenzierter werdenden Fassung der Weltwirklichkeit.“ Konrad Farner
Die mangelnde Zeit ist ein wesentlicher Faktor. Diese wurde im Zuge der Mittelschulreformen in mehreren Etappen gekürzt. Das zweite Problem ist die konkrete Umsetzung der Partikularinteressen an den Schulen bezüglich Stundentafel, Stundenplan und Lehrplan. Alle die bestehenden Reformanstrengungen sind vor dem Hintergrund tief greifender gesellschaftlicher Wandlungen Flickwerk. Die z.B. in der Didaktik gewonnenen Erkenntnisse und Vorschläge wie z.B. „Kooperatives Lernen“ haben in den jetzigen Strukturen kaum eine Chance, umgesetzt zu werden.
Mein Eindruck ist, dass die von den Schulen vorgenommenen inhaltlichen und strukturellen Änderungen (MAR) in fast allen Bereichen bezüglich einer Anpassung an erzieherische und pädagogische Erkenntnisse harmlos waren und geprägt von Rücksicht auf den verteidigten Status Quo der Disziplinen und ihrer traditionellen Methoden. Die kleinen Anpassungen an neuere Unterrichtsmodelle und Freiräume, die geschaffen wurden (Projekte, Projektunterricht, Wahlbereiche), waren marginal und drohen jetzt zum Teil wieder weggespart zu werden. Verteilkämpfe haben zur Folge, dass zuerst die schwächeren Glieder hinausgedrückt werden, dazu gehören sicher die Wahlbereiche, die fachübergreifenden Projekte aber auch die musischen Fächer.
In diesem Zusammenhang wird sich früher oder später die Frage nach der Rolle einzelner Fächer innerhalb des Fächerkanons und der Allgemeinbildung stellen. Auch Standards werden den Druck erhöhen. Allgemeinbildung ist ein zu vager Begriff um die Position einzelner Disziplinen im Kanon zu rechtfertigen.
Dass ein Aquarellierkurs oder das Basteln von Karnevalsmasken auch in der Migrosklubschule besucht werden kann und diese Kurse gut besucht sind wird ein Argument gegen die konventionelle BG sein.
Kunstfach BG
Bildnerische Gestaltung gilt mit der Musik zusammen als Kunstfach oder als musisches Fach. In Deutschland nennt sich derselbe Berufstand Kunsterzieher. Man redet von den Kunstfächern und die Schüler müssen bei uns (Kurzgymnasium), ausser sie wählen ein musisches Profil, eines der Kunstfächer wählen. Sie wählen damit das andere ab.
Die Möglichkeit der Abwahl eines Kunstfaches impliziert, dass es für die Erziehung und Bildung des Jugendlichen, also für die Allgemeinbildung keine Rolle spielt, ob er Musik besucht oder Bildnerische Gestaltung. Die beiden Fächer werden trotz wesentlichen Unterschieden dank des sehr diffusen Überbegriffes Kunst gleich behandelt. Oft werden sie mit dem Sport in einen Topf geworfen, als habe Bildnerische Gestaltung mehr zu tun mit Sport als z.B. die Biologie.
Das gänzliche Fehlen des Kunstunterrichtes an einzelnen Ausbildungsgängen wie der Handelsmittelschule wie auch das Fehlen dieses Faches bei den Studierenden, die Musik gewählt haben, sagt deutlich, dass es auch ohne gehen kann. Es ist wie mit den Firmen und Gemeinden, die einen leisten sich einen Kulturprozent, die anderen nicht. Dass sich aber der gesellschaftliche Stellenwert kultureller Leistung seit dem 18 Jahrhundert radikal gewandelt hat und unter anderem zu einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor wurde, hat sich in der Erziehung und Bildung noch nicht bemerkbar gemacht. Statistische Erhebungen im Raum Zürich haben einen sehr hohen Anteil kultureller Produktion innerhalb der Wirtschaft offenbart.
Künstlerische Tätigkeit hat nach wie vor das Image des etwas unseriösen, schlecht bewertbaren und brotlosen Tuns. Andererseits hat der Mythos Kunst etwas Numinoses und Unangreifbares, dass auch sparwütige Bildungspolitiker das Fach aus Angst, Kulturbanause geschimpft zu werden, nicht anzugreifen wagen. Der zweite Grund mag für den Vorschlag, das Fach Kunst zu nennen, eine Rolle gespielt haben. Hat aber der Unterricht der Bildnerischen Gestaltung mehr mit Kunst zu tun als zum Beispiel der Deutschunterricht? Warum heisst der Deutschunterricht nicht Literatur, der Sportunterricht nicht Akrobatik, der Physikunterricht nicht Weltanschauung, was nicht abwegiger wäre?
Auf den gesellschaftlichen Wandel bezogen muss vermutlich eingestanden werden, dass das Fach BG kaum gefordert wurde, sich aktiv zu beteiligen und seine Stellung zu hinterfragen. Die höher liegenden Instanzen wie die Hochschulen und Kunstschulen haben es verpasst, Ansprüche zu formulieren und Niveaus einzufordern. Das Wohltuende unseres Freiraumes kann leicht in einen Leeraum von Beliebigkeit und Unverbindlichkeit kippen. Für geistes- oder naturwissenschaftliche Fächer scheint es nahe liegend zu sein, aktuelle Themen in den Unterricht einfliessen zu lassen, da sie – im herkömmlichen Verständnis - stärker in einen wissenschaftlichen Kontext, in den Alltag und die Berufswelt eingebunden sind.
So liegt es einzig an der Initiative und dem Engagement jedes einzelnen Lehrers, einen vernünftigen Unterricht zu entwickeln, der auch dem gesellschaftlichen Wandel gerecht wird. Schlussendlich müssten wir uns eingestehen, dass wir alle Autodidakten sind. Der Kunstbegriff, der über den musischen Fächern wie ein Nebel liegt, schützt den Unterricht vor einer Einbindung in den Alltag und die Ansprüche von aussen. Er schützt aber auch die Ausbildungen und den internen Umgang vor Verbindlichkeit.
Die Folgen davon sind schwerwiegend. Aus meiner Sicht überwiegen die negativen Folgen und eine Neuorientierung sollte diskutiert werden. Der Kunstbegriff hat sich wie kein anderer seit Mitte des 18 Jahrhunderts radikal gewandelt. Aktuelle Geschehnisse wie der Skandal um die Ausstellung von Hirschhorn im Centre Culturel Suisse in Paris und die unterschiedlichen Reaktionen darauf machen deutlich, dass für einen grossen Teil der Bevölkerung und der politisch massgebenden Szene ein Kunstbegriff aus dem frühen 18 Jahrhundert relevant ist.
Im Falle der Malerei sei von der Nachahmung der Natur, der Imitation auszugehen. Diese Nachahmungstheorie bildet die Grundlage der Kunstanschauung im 18 JH. und der auf Naturstudium und Auswahl aufbauenden Kunsttheorie. Götz Pochat
Es ist ein konservativer Begriff der vom handwerklichen Können (Kunsthandwerk) und den klassischen Schönheitsidealen geprägt ist. Es ist damit ein statischer Begriff, der auf der Stufe eines geozentrischen Weltbildes stehen geblieben ist. Dieser Kunstbegriff beschränkt das visuelle, ästhetische Erlebnis auf ein gerahmtes Bild mit einem formal vordefiniertem Schema und zielt auf Wiedererkennen und Befriedigung ästhetischer Erwartungen. Dieser Begriff hat weder mit dem heutigen visuellen Erleben noch mit der Kunst der letzten zwei Jahrhunderte etwas zu tun und kann im BG-Unterricht nur noch im historischen Blick zurück behandelt und verstanden werden.
Genauso wenig wie im Deutschunterricht Literatur produziert wird, wird im BG-Unterricht Kunst gemacht. Es ist absurd von Schülern, die zuerst die Grundlagen der visuellen Sprache kennen lernen sollen, künstlerische Produktion zu erwarten. Bevor man die Metasprache der visuellen Kunst erfassen und selber darin tätig werden kann, muss man in deren Vokabular hineinwachsen.

Die Stellung des Faches BG ist einerseits geschützt durch den Mythos des Kunstbegriffes. Das Fach ist ohne Tabubruch nicht angreifbar. Andererseits gerät das Fach nun, da von ihm Wissenschaftlichkeit (Standards, Master) verlangt wird, in einen Definitionsnotstand. Wissenschaftlichkeit darf nicht Beliebigkeit als Grundlage haben.

Wort und Bild
Sprachunterricht wird in der Bildungsdiskussion nicht in Frage gestellt. Studien stellen fest, dass es den Kindern, den Studierenden und auch den Erwachsenen an Sprachkompetenz mangelt. Dass damit Wortsprache gemeint ist, wird nicht gesagt, es ist selbstverständlich. In einem Atemzug mit der Klage über den Verlust an Sprachkompetenz wird der Begriff der Bilderflut und des überbordenden Medienkonsums genannt. Bemerkenswert. Wenn von Sprache die Rede ist oder von mangelnder Sprachkompetenz, ist Wortsprache gemeint.
Die alltägliche Welt der Jugendlichen hat sich in einem unglaublichem Mass wegbewegt von der verbalen und schriftlichen Kommunikation zu einer visuell geprägten Welt von geladenen Zeichen, Symbolen, Bildern, bewegten Bildern und manipulierbaren, spielbaren Bildwelten. Dabei ist die Symbiose von Wort und Bild sicher geprägt von einer Dominanz des Bildes. Der Bildschirm als zentrales Medium der heutigen Welt ist zuerst einmal ein Bild. In diesem Bild kann Text vorkommen, kann der produzierte oder rezipierte Text das wichtigste Ziel sein, aber der Bildschirm bleibt trotz allem viel stärker ein Bild als das Blatt mit Text. Seine horizontale Ausrichtung im Gegensatz zur vertikalen Ausrichtung des A4-Blattes ist nur eines der Merkmale davon.
Wir gehören heute einer Kultur an, deren Informationen, deren Ideen und deren Epistemologie vom Fernsehen und nicht vom gedruckten Wort geformt werden. Neil Postman 1985
Die Wortsprache hat den Vorteil gegenüber allen anderen Kommunikationsformen, durch ihren hohen Abstraktionsgrad alles und insbesondere sich selber zum Thema machen zu können. Wir denken und reden mit der Wortsprache und tun dies mit ihr über sie selber. Was hier selbstverständlich ist und im Sprachunterricht lange Tradition hat, wird weder im Visuellen noch im Musischen in diesem Masse und mit dieser Wirkung praktiziert. Es wird sich aber herausstellen, dass es im Visuellen wenig erkannte, weniger in bewusste Schulung gehobene Ebenen gibt, die unseren Alltag, unser Befinden und unsere Zukunft mindestens so tangieren wie die Kompetenz in der Wortsprache. Damit meine ich die Parallele von visueller und verbaler Kompetenz. Nur fordert visuelle Kompetenz im selben Mass wie die verbale Kompetenz Verbindlichkeit und Konsens. Auch wenn es nicht so einfach ist, wie in der Wortsprache in der visuellen Sprache die Grammatik und Syntax zu thematisieren und zu beherrschen, kommt man nicht darum herum.
Die Wortsprache als vordergründiges Mittel der Erkenntnis, der Schöpfung und Mitteilung, dominiert alle schulischen Disziplinen. Sie scheint das präziseste Instrument zu sein. Das ist unbestritten und wird vermutlich so bleiben. Das Gejammer über den Verlust an sprachlicher Kompetenz verhindert aber den Blick auf die zu fordernder visuelle Kompetenz. Es wird sich zeigen, dass die Qualität der Präzision nicht ein Privileg der Wortsprache ist.

Begründungen des Faches BG
Oft vernimmt man als Rechtfertigung oder Begründung des Faches BG die Argumente des Ausgleiches (1) und des Künstlerisch-Therapeutischen (2). Die Ansicht, das Fach BG könne und solle einen Ausgleich zu den anderen Fächern bilden, ist innerhalb der Fachschaft selber, der weiteren Lehrerschaft und vermutlich auch in Zusammenhang mit der Eingliederung der BG im Fächerkanon ein starkes Argument. Der Ausgleich ist hier gemeint als internes Gegengewicht und Ausgleich zu den eher kopflastigen Fächern wie ihn auch der Sport bieten soll, also als ein Ausgleich innerhalb der Schule. Die Argumente des Ganzheitlichen oder des Therapeutischen werden vertreten, sobald der Kunstbegriff eine Rolle zu spielen beginnt: Kunst im Sinne einer Selbstfindung durch die kreative, schöpferisch Arbeit, ganz werden durch gestalterische Aktivität. Das „Anwenden von Medien und Mitteln“ wird im weitesten Sinn in persönlichkeitsbildende, soziale und gesellschaftliche Zusammenhänge gebracht.
1. Ausgleich
Sollte das Fach BG einen notwendigen Ausgleich zu den kopflastigen Fächern bieten und würde dies wirklich ernst genommen, hiesse das erstens, dass mehr als 90 Prozent des Unterrichtes kopflastig und damit einseitig ist, dann müsste man zuerst einmal diese Fächer ansehen, radikal überdenken und hier Änderungen vornehmen. Zweitens müsste es jedem einleuchten, dass man mit 90 Minuten kreativer Tätigkeit pro Woche, also in einer in Disziplinen fragmentierten Welt, keinen Ausgleich schaffen kann zu den restlichen, einseitigen Aktivitäten. Wenn wir die Hausaufgaben und Lernzeiten zum Normalunterricht dazurechnen, also sämtliche „kopflastigen“ Tätigkeiten, kommen wir auf weniger als 5 % Ausgleich. Die Argumentation des Ausgleichs geht von einem sehr simplen Verständnis der Methoden und Inhalte der Fächer aus. Auch im BG muss sich der Schüler konzentrieren und aufmerksam sein. Es wird auch hier Leistung verlangt und beurteilt. Es ist nie oder sehr selten so, dass der Schüler wie in der Maltherapie (Malatelier) frei und unbewertet drauflos malen kann.
Von einem Ausgleich, wie ihn diese Argumentierenden verstehen, kann keine Rede sein. Das Argument wird der Sache nicht gerecht. Wäre eine Notwendigkeit da für diese Art von Ausgleich, dürfte man es nicht an ein einzelnes, schwach dotiertes Fach delegieren sondern müsste den ganzen Schulbetrieb diesbezüglich reformieren.
2. Therapeutisch-Kunst
Die Integration des Kunstunterrichtes im Kanon, verstanden als künstlerische Bildung, kann kein Argument für das Fach sein, dafür ist der Kunstbegriff zu stark aufgeweicht. Wie im Religionsunterricht an unseren Schulen, wo heute keine religiösen Dogmen mehr vermittelt werden sondern der entstandene Freiraum mit im weitesten Sinn humanen Themen gefüllt wird, bedeutet der Kunstbegriff oft nichts anderes als ein Freiraum. Kunst wird in den Zusammenhang von Ganzheit und Selbstfindung gebracht. Ein Schlagwort ist die „Autonome Handlungsfähigkeit“. Die Begründung schiesst jedoch ähnlich wie die des Ausgleichs am Ziel vorbei, bezieht sich aber nicht wie der Ausgleich nur auf den Schulbetrieb und die anderen Fächer, sondern auf das Leben insgesamt. Ein ganzer, heiler Mensch sei einer, der sich formulieren kann, der sein kreatives Potential ausschöpfen kann und mit der Kunst Ebenen anspricht, die vielleicht verschüttet würden.
Die Verknüpfung von Kunst und Heilversprechungen im Rahmen eines reglementierten und zeitlich sehr beschränkten Unterrichtes ist jedoch sehr problematisch wenn nicht unseriös. Selbst wenn der BG-Unterricht einen therapeutischen Nebeneffekt hätte, kann dieser Effekt im Rahmen des Unterrichtes weder betreut noch reflektiert werden. Erstens reicht die Zeit dazu nicht aus und zweitens würde eine entsprechend professionelle Ausbildung dazu fehlen. Wir sind keine Therapeuten. Andererseits müsste dieses Argument schlussendlich jedem Fach zugeschrieben werden. Therapeutisch wirkt doch alles, mit dem man Erfolg hat, sich durchkämpft und bestätigt sieht. Dies sollte dem Schüler in jedem Fach geboten werden. Also muss im Prinzip jedes Fach diesen künstlerischen Ansprüchen gerecht werden.
„Jeder Mensch ist ein Künstler, aber nicht jeder ist ein Maler“ (J. Beuys)
Wenn wir Künstler ausbilden wollen, können wir sie also auch zum Chemielehrer schicken. Auch hier ist Kunst gefragt.
Diese beiden Argumente dürfen und können keine primären Begründungen des Faches BG sein. Selbst wenn sie mögliche Resultate ansprechen bilden sie keine haltbare Rechtfertigung. Diese Argumente waren aber bis jetzt immer die von Aussen formulierten und vernommenen Hauptargumente für die Präsenz der musischen Fächer.
Intern hat sich der Unterricht an den meisten Orten schon lange von diesen Ansprüchen wegbewegt. Dass es um Wahrnehmungs- und Sehschulung, und damit schlussendlich auch um Handlungsfähigkeit geht, und diese auf Regeln und Konventionen beruht die reflektiert und auch trainiert werden müssen, ist den meisten Fachlehrern klar. In unserem Fach geht es aber vorerst nur um Wahrnehmungs- und Sehschulung im eng begrenzten Rahmen des Visuellen, des Bildes und seinen Varianten (Film, Skulptur), und nicht z.B. um Psychologie oder Verhaltensforschung.
Würde man die traditionell anerkannten Grammatikbestandteile des Visuellen als weiteres Hauptargument gleich seriös wie die der Sprachen behandeln, käme man auf keinen gründen Zweig. Alleine ein fundiertes Bearbeiten des Themas Räumlichkeit würde mindestens ein Jahr des BG-Unterrichtes verschlingen. Dabei sind z.B. Perspektive und Farbenlehre als anerkannte und im Lehrplan unbestrittene Bestandteile nur kleine Teilgebiete im Ganzen.

Sprachliche und visuelle Kompetenz
Die alltäglichen Fälle, in denen von der Wortsprache eine hohe Präzision verlangt wird, sind die Situationen in der Schule oder Berufswelt, wo es um eine klar geregelte Kommunikation mit fest definierten Begriffen und Inhalten geht. Hier ist die präzise Sprache eine Bedingung für eine funktionierende Kommunikation und Forschung. Ausserhalb dieses geschützten Rahmens wird niemand behaupten, die Wortsprache sei präzis. Schon in der Kaffeepause, wenn die Handwerker über Parteien und Wahlen reden und die Chemielaboranten über den vergangenen Partyabend oder die Lehrer über die Schüler und umgekehrt, sofern sie es tun, werden vermutlich sehr missverständliche, unpräzise Voten abgegeben. Wissenschaftliche Präzision in der Sprache in diesen Situationen kann sogar deplaziert sein. Wortsprachliche Kommunikation hat in einem grossen Mass dieselbe Mehrdeutigkeit und interpretatorische Offenheit, wie sie der Bildsprache untergeschoben wird.
Wer Publikationen im Laufe der letzten Jahrzehnte betrachtet und vergleicht, seien dies wissenschaftliche oder solche der Unterhaltungsindustrie, wird feststellen, dass der Anteil der visuellen Gestaltung des Produktes gegenüber der rein verbalen Inhaltsvermittlung stark zugenommen hat. In der wissenschaftlichen Publikation besteht ein labiles Gleichgewicht an visueller Gestaltung in Form von Layout, Grafik, Abbildung, erläuternder Illustration und reiner Inhaltsvermittlung mit Worten. Die Visuelle Gestaltung übernimmt hier verschiedene Aufgaben in einem Wechselspiel mit dem Text:
- Das Bild vermittelt Inhalte unmittelbar, als Kräfteverhältnisse in Gleichzeitigkeit und nicht kausal
- Demonstration eines wissenschaftlichen Sachverhaltes
(die Zeichnung eines Knochengelenkes kann nicht durch Worte ersetzt werden)
- Illustration einer Textpassage
(die Zeichnung einer Kreuzung mit Angabe eines Richtungswechsels ergänzt eine Wegbeschreibung)
- Grafische Elemente (Balken, Farben, Linien, Zeichen usw.)
(diese grafischen Elemente sollen die Übersicht und Rezeption erleichtern, sie unterstützen das bildhafte Wahrnehmen)
- Comic, Zeichnung
(Zeichnungen sollen das Thema, z.B. aus der Ebene des haptischen Erlebens oder des Humors näher bringen)
Sogar das ganze Schriftbild einer Publikation, also der visuelle Teil der Sprache, hat einen massiven Einfluss auf die Rezeption.
In den populären Medien, Publikationen und der Werbung hat das Gewicht der Bilder überproportional zugenommen, zum Teil mit der Folge, dass die Texte blosse Anhängsel der Bilder geworden sind (Magazine, TV-Sendungen). Die Verwendung der Wortsprache ist zum Teil sehr stereotyp und nichts sagend. Die Hauptbotschaft ist auf das Bild übergegangen. Eine Konsequenz aus dieser Entwicklung ist an den Schule noch nicht gezogen worden.
Hier zeigt es sich, dass die Wortsprache an vielen Orten scheitert, wo sie Sachverhalte aufzeigen sollte, die weniger in einem wissenschaftlichen Sinn eindeutig, aber in einem Kommunikationsumfeld wirksam und präzis sein müssen. Mangelnde Sprachkompetenz zu beklagen und den Comic-, Video und Computerspielkonsum der Jugendlichen zu verurteilen bedeutet häufig, das Potenzial der visuellen Sprache zu verkennen.

Visuelle Kompetenz
Was kann nun dem Verlust an Sprachkompetenz gegenübergesetzt werden? Ein Ausbau der Sprache im Unterricht wäre eine regressive Antwort. Der Bilderflut kann man nicht mit einem Stopfen der Löcher im Sprachdamm gegenübertreten. Eine Lösung kann ein Ausbau der Ausbildung in visueller Kompetenz sein, verbunden mit einem bewussten Kombinieren und Reflektieren mit Worten. Es muss klar werden, dass die visuelle Sprache eine andere Präzision erfordert und auch bieten kann, dass die verschiedenen Sprachen sich produktiv ergänzen und nicht konkurrenzieren.
Gleich wie die Wortsprache basiert die visuelle Sprache auf einer geregelten Grammatik. Diese Grammatik ist – das wird überraschen - schärfer, logischer und nachvollziehbarer als die Grammatik der Wortsprache, denn der Inhalt lässt sich nicht so leicht von der Form trennen und ist damit weniger willkürlich, resp. weniger digitalisierbar (im Sinn der Semiotik). Das ist vielleicht auch der Grund, warum viele meinen, sie beherrschten diese Grammatik ohne eine Ausbildung. Bilder lesen können vermutlich viele, sie produzieren und verstehen ist aber etwas anderes. Die Grammatik des Bildes ist uns fast physisch eingeschrieben und nur beschränkt von kulturellen Konventionen abhängig (dabei widerspreche ich der gängigen Semiotik). Eine vertikale Form in einem visuellen Umfeld nimmt immer Bezug zu unser aufrechten Haltung und der damit angesprochenen Befindlichkeit. Eine Linie ist zuerst einmal einfach ein Strich, erzeugt mit einem Medium wie Bleistift oder Pinsel. Schon die Wahl des Mediums beeinflusst die Aussage des Striches. Die Veränderung von Länge, Position und Richtung des Striches im Format des Bildes bestimmt die Aussage wesentlich. Wo ein einzelnes Wort hilflos und beliebig bleibt, wenn es nicht in einem Satz an Bedeutung gewinnt, kann schon eine Linie in einer Fläche eine geladene Aussage sein.

Aufgabe der Schule
Kompetenz in Wortsprache wird seit dem ersten Schuljahr trainiert. Dieses Sprachtraining ist eine unbestrittene und etablierte Disziplin und unterliegt differenzierten und allgemeingültigen Regeln. Das Training der visuellen Kompetenz hat bis zur Mittelschule ein marginales Dasein und wird im besten Fall als Ergänzung oder Ausgleich geschätzt. Die Schülerinnen und Schüler dürfen eine Zeichnung oder einen Kerzenständer als Weihnachtsgeschenk machen. Die Lehrerinnen und Lehrer der Unter- und Mittelstufe nutzen diesen Unterricht nach Belieben und oft wird er dazu missbraucht, Mankos in den anderen Fächern aufzuholen. Erst an der Mittelschule, wo das Fach auch selektionierend wirken kann, besteht das Potential, zur Sache zu kommen. Doch auch hier besteht ein Mangel innerhalb der Ausbildung und eine sehr personenabhängige Umsetzung im Unterricht. Im Vergleich mit den Sprachen fehlt ganz einfach die nötige Tradition und Ausbildung, die ein sinnvolles Vermitteln ermöglichen würde. Die visuellen Elemente des Bildes oder des Raumes als Sprachelemente zu erfahren und zu erkennen bedingt entweder eine intensive, auf dieses Ziel ausgerichtete Ausbildung oder eine gestalterische Praxis.
Dabei ist unbedingt zu beachten, dass der Begriff visuelle Sprache nicht einseitig als eindeutig interpretierbare, entcodierbare Kommunikationsform verstanden werden darf. Es geht also nicht um eine lineare Semantik, was ein visuelles Zeichen bedeuten könnte, für was es steht. Dann würden die Bildelemente und Bilder wieder missbraucht und missverstanden als darstellende Sprachelemente, als Symbole und Zeichen wie es eben die Worte sind. Diese Tendenz gab es vor 40 Jahren in Deutschland, als die Kunsterzieher primär versuchten, die Welt der alltäglichen Bilder in ihrem manipulierenden Charakter zu entlarven. Das verkam zu einer negativen Haltung und verkannte den Eigenwert des visuellen Erlebens. Eine weitere Gefahr im Zusammenhang mit Standardisierung und Verwissenschaftlichung besteht in der Intellektualisierung der Ausbildung und dem damit verbundenen Vernachlässigen der konkreten Arbeit und dem Prozess am Werk.
Das Bild ist eine Welt für sich mit einem funktionierenden oder nicht funktionierendem Kräftespiel das erlebt aber nicht zwingend wieder verbal analysiert werden muss. Die Wortsprache sollte hier wirklich „nur“ beschreibend, assoziativ, oder symbiotisch, und nicht zersetzend wirken.
Ich denke da an das Kunstwerk von Josef Beuys „Schneefall“. Ein paar auf dem Boden zusammengelegte, dürre Tannenstämmchen, darüber liegend eine Schicht Filzmatten, so dass auf beiden Seiten die Enden der Stämmchen hervorschauen. Erst das Wort „Schneefall“ macht das Werk fertig. Eine Symbiose von Wort und Objekt bedeutet, das Ganze ist mehr als die Summe der Teile.
Auf den Unterricht an allen Stufen bezogen bedeutet das Anerkennen der Notwendigkeit einer visuellen Kompetenz das Gleichsetzten der Wortsprache mit der Bildsprache. Im Deutschunterricht ist eine Gliederung des Unterrichtes in Grammatik und Sprachaufbau, Rezeption von Literatur sowie eigene Textproduktion selbstverständlich. Nur wer redet und schreibt kann Sprachkompetenz entwickeln. Niemand erwartet jedoch von den Jugendlichen die Produktion von Literatur. Im Visuellen ist diese Dreiteilung in visuelle Grammatik, Rezeption von visuellen Produkten sowie Kunstwerken und eigene visuelle Produktion (ich sage bewusst nicht künstlerische Produktion) auch selbstverständlich. Der zentrale Punkt ist die absurde Situation, dass man diese existenzielle menschliche Tätigkeit und Ausdrucksform studieren kann ohne sie ausüben zu müssen. Man kann also eine wissenschaftliche Arbeit über visuelle Kunst verfassen und die Rolle der visuellen Sprache und Kunst definieren, ohne je gestalterisch tätig gewesen zu sein, eine in der Sprache undenkbare Situation.

Fazit BG:
Der Grund zu diesem Text ist ein Unbehagen bezüglich der Situation der Mittelschulen sowie die Frage, ob das Fach Bildnerische Gestaltung an den Mittelschulen gesellschaftliche Veränderungen mitgemacht hat oder unter den jetzigen, schulpolitischen Bedingungen am gesellschaftlichen Wandel in einem positiven Sinn teilnehmen kann.
Ich stelle die Behauptung auf, dass Veränderungen einerseits von Sachzwängen behindert (Besitzstandwahrung) und andererseits von unsachlichen Diktaten erzwungen werden (traditionelle Begründungen des Faches BG). Wenn wir uns nicht der zugewiesenen Rolle der Bildungspolitik oder Kunsttheorie fügen wollen, also einem Diktat zwingend veralteter Ansprüche, müssen wir selber unser Selbstverständnis formulieren.

Anpassungsvorschläge an die aktuelle Situation der Gymnasien:
Die Kunstfächer (musische Fächer) sind unter diesem Begriff abzuschaffen
Die ehemaligen Kunstfächer BG und MU sind gleichwertig wie die Sprachfächer, insbesondere die Muttersprache, z.B. unter den Begriffen Visuelle Sprache und Auditive Sprache aufzuwerten
Für diese Fächer sind neue Lehrpläne zu erstellen sowie die Ausbildungsgänge auszubauen und zu reorganisieren


11.12.2005, M. Leimbacher