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BG Theorie Bildgrammatik / visuelle Grammatik
Bildgrammatik (Einleitung, Entwurf) Selbstverständnis BG    
Sprachkompetenz
Dieser Text ist die Einleitung zu einer Untersuchung über eine mögliche Bildgrammatik.
Der Entwurf dieser Untersuchung kann als PDF-Datei angefordert werden (lem at ken.ch)
 

Sprachkompetenz

Ein zentrales Motiv des vorliegenden Textes ist die Vermutung, dass unser Orientierungs- und Kommunikationsverhalten in einem aussergewöhnlichen Wandel stehen und ein zentrales Merkmal davon der Umgang mit visuellen Medien und Bildern ist. Diese Annahme gründet einerseits in der Beobachtung von offensichtlichen Veränderungen des Konsum- und Kommunikationsverhaltens und andererseits in einer steigenden Flut von Artikeln und Publikationen zu diesem Thema. Der beobachtete Wandel betrifft Freizeit wie Berufswelt, Erziehung und Bildung, und sichtbar wird er in allen Formen von Sprachen. Es ist die Rede von einer Bilderflut, einem überbordenden Konsum von Bildmedien. Im gleichen Atemzug wird von mangelnder Sprachkompetenz und ungenügender verbaler wie schriftlicher Ausdrucksfähigeit gesprochen.
Sprachkompetenz ist ein Schlagwort der Bildungspolitik und wird ausnahmslos auf die Verbal- und Schriftsprache bezogen. Sprachkompetenz wird als die zentrale Grundlage betrachtet, sich mitteilen und in der Berufswelt und damit im Leben bewähren zu können.
Als mögliche Folge einer Wechselwirkung zwischen der kulturellen, ästhetischen Revolution im letzten Jahrhundert, bezogen auf unseren Umgang mit Bildern, und der technischen Entwicklung elektronischer Medien in den letzten Jahrzehnten, sind Wort und Bild in ein teils fruchtbares oder auch zerstörerisches Konkurrenzverhältnis getreten. Zentrale Anstrengungen der Modernen Kunst zu Beginn des letzten Jahrhunderts bestanden darin, sprachlich festgefahrene Verhaltens- und Denkmuster aufzubrechen und das sprachlich Vermittelte aus der Kunst zu verbannen.
Diese Verhältnisse beobachten, erforschen und die sogenannte Flut der Bilder richtig einschätzen können setzt voraus, dass man in beiden Bereichen Kompetenz entwickelt hat und in der Bildung oder dem Kommunikationsverhalten nicht nur einseitig einen Mangel an Sprachkompetenz diagnostiziert.


Visuelle Urbanisierung

Da wir uns mitten in diesem Umbruch befinden und keine historische Distanz einen Überblick und rückblickend-objektive Beurteilungen erlaubt, erleben wir die Veränderungen aus einer beschränkten, subjektiven Sicht und nehmen sie möglicherweise nicht als gesellschaftlich und kulturell relevante Fakten wahr. Die mangelnde Distanz birgt die Gefahr, die Veränderungen zu übersehen, nur passiv zu erleiden, aber auch die Beobachtungen falsch zu interpretieren.
Wir orientieren uns mit den Augen in einer Umgebung, die bis zum letzten Winkel vom Menschen unter anderen nach visuellen Kriterien beeinflusst und gestaltet wird. Die Urbanisierung der Welt betrifft zuerst das Auge. Selbst dann, wenn wir uns unmittelbar in der unberührten Natur befinden, betrachten wir deren Erscheinungen auf der Suche nach Ordnungen, Mustern und auf dem Hintergrund medial vermittelter Bilder. Schon unsere Answesenheit und unser Blick urbanisieren. Das Natürliche ist zu einem vom Urbanen ausgesparten Fleck geworden, der darum als solcher auch wieder zu einem Merkmal des Urbanen wird, zu einem visuellen Zeichen in einem grösseren Zusammenhang.
Wir suchen den Weg mit dem Auge.
Neben der wachsenden Dominanz des Urbanen über das Land, die das Gesichtsfeld wie ein manipulierbarer Raster prägt, breiten sich auch visuelle Zeichen und Bilder aus über die traditionellen Sprachen. Das statische und das bewegte Bild dominieren die Kommunikation in allen Disziplinen und wo es nicht das Wort ersetzt, begleitet und überblendet es dieses.
Nun wachsen wir mehrheitlich unbewusst und ungebildet in dieses Feld und ohne das Vertrauen, es selber wesentlich mitgestalten zu können. Im Gegensatz zur Verbalsprache, in der wir uns von klein an mit Sprechen, Schreiben und Lesen üben sollen, bildet die visuelle Sprache ein Gebiet, das in der Schule nur rudimentär vermittelt und im Alltag schlussendlich den Spezialisten der gestalterischen Berufe überlassen wird, seien dies Architekten, Landschaftsgestalter, Grafiker, Fotografen, Film- und TV-Produzenten oder Informatiker. Dabei leben wir im weitesten Sinn mit und in den Bildern, die wir uns von der Welt machen und kommen in den Bildern unserer Umgebung und unserer Mitmenschen vor. Wir leben in Abhängigkeit von visuellen Begriffen, auf die wir keinen Einfluss haben, denen wir keine Kompetenz durch eigenes Gestalten entgegensetzen können.
Daneben, dass die visuelle Bildung in allen obligatorischen Schulstufen kaum ein Gewicht hat, wurde auch eine fundierte Forschung zur visuellen Kommunikation und Gestaltung wie auch eine Debatte über die Auswirkungen des Konkurrenzverhältnisses zwischen Bild und Wort vernachlässigt.
„Denn während sich die Sprache, besonders seit der Romantik, einer intensiven theoretischen Debatte erfreute, die sich in Sprachphilosophie, allgemeiner Sprachwissenschaft, Linguistik, Übersetzungstheorie etc. institutionalisierte, wurde dem Medium des Bildes keine vergleichbare Aufmerksamkeit zuteil.“48

Visueller Analphabetismus

Das Verhältnis zwischen Bildungsaufwand und Bedeutung der visuellen Wahrnehmung, visuellen Orientierung und Kommunikation ist nicht im Gleichgewicht. Das Missverhältnis zwischen Konsum, Rezeption und eigener Ausdrucksfähigkeit im Bildnerischen lässt es als naheliegend erscheinen, von einem visuellen Analphabetismus zu sprechen. Analphabetismus bedeutet nicht, Sprache nicht zu verstehen oder sprechen zu können, sondern diese nicht aktiv schriftlich vermitteln und lesen zu können, sie also nicht visualisieren zu können. Bezogen auf die visuelle Kultur bedeutet dies, dass wir wohl Bilder lesen können, für ein wirkliches Verständnis fehlt uns aber die eigene gestalterische Praxis. Der visuelle Analphabetismus beschreibt damit den heute verbreiteten Zustand der Bildung.
Vor den ersten Buchstaben und geschriebenen Worten werden uns Bildchen mit Autos, Äpfeln, Bällen und anderen Gegenständen vorgesetzt. Auch das Bild eines Elefanten ist dabei. Die Eltern zeigen darauf und sagen:
„Elefant!“

Da wir als Zweijährige vielleicht noch nicht im Zoo oder dem natürlichen Lebensraum der Elefanten waren, ist das Bild eines Elefanten die erste Begegnung mit diesem Tier. Es bleibt vermittelt bis auch die anderen Sinne zur Erfahrung beitragen. Macht ein Dokumentarfilm die Erfahrung autentischer? Wie autentisch ist die Erfahrung im Zoo?
Auch Flugzeuge, Bundesräte und andere Stars, Saurier, fremde Länder und reale wie phantastische Dinge und Erscheinungen sehen wir in dieser Nähe zum ersten mal am Fernseher, als Fotografie oder als Zeichnung. Wir wachsen damit zu einem grossen Teil in einer sprachlich-visuell vermittelten Welt auf. Was heisst in diesem Zusammenhang autentisch und vermittelt? Besteht zwischen diesen Eigenschaften ein prinzipieller oder gradueller Unterschied? Dabei werden notwendigerweise auch erkenntnistheoretische Fragen aufgeworfen.
Das Wort Elefant lernen wir in den ersten Schuljahren schreiben, diesen zeichnen oder auf andere Art visuell darstellen zu können scheint eher nebensächlich. Dabei steckt in der Visualisierung eine zentrale Verbindung von Wirklichkeit, Erfahrung und Wissen verborgen. Das Auge wird als wichtigstes Orientierungsorgan betrachtet. Wird es auch dementsprechend geschult?
Wie viel wir von der allernächsten oder weiten Welt aus autentischer Erfahrung oder aber aus Bildern und Worten kennen lässt sich nicht mehr sagen. Auch die sprachliche Tätigkeit erhält eine spezifische „sprachliche“ Autentizität. Wenn wir von der Prärie Amerikas hören, kommen uns die Bilder in den Sinn, die wir mit den Erzählungen Karl Mays in unserer Vorstellung entworfen hatten. Woher entwickeln wir aber diese Bilder? Aus der eigenen Erfahrungen der Prärie oder sehen wir den verschwitzten Clint Eastwood aus der Prärie in ein verstaubtes Kulissendorf reiten?
Wenn wir im Urlaub an einem zuvor durch die Literatur oder den Medien vermittelten Ort stehen, stimmen die realen Eindrücke kaum mit dem Vermittelten überein und wir flüchten uns zur Übereinstimmung in den Monitor der Kamera, um die vermittelte, vermutlich „stereotype Autentizität“ wieder herzustellen und weiter zu verbreiten. Wir Reisen um uns zu „bilden“.
Visuelle Zeichen und Bilder bewusst als existentielle Kommunikationsform erleben zu können setzt voraus, dass wir ihr nicht nur als Konsumenten passiv ausgeliefert sind, sondern durch gestalterischen Ausdruck und Erforschung der visuellen Phänomene einen Einblick in ihre Kräfte und Mechanismen erhalten. Auch die rezipierende, rein theoretische Behandlung genügt nicht, um diese Sprache zu erfassen, denn niemand würde behaupten, dass wir Sprachkompetenz erwerben können ohne selber sprechen und schreiben zu müssen. Visuelle, bildnerische Kompetenz - auch im analytischen und theoretischen Sinn - lässt sich, wie in der Verbalsprache, nur im produktiven Tun und Forschen erreichen.


Visuelle Bildung

Der alltägliche Umgang mit Bildern und visuellen Zeichen muss als Sprache verstanden werden. Bilder vermitteln im allgemeinen mehr als die Anwesenheit von Papier und Farbe, mehr als die leuchtenden Pixel eines Monitors. Bilder und Zeichen sind auch mehr als eine zweidimensionale Kopie der gesehenen Realität. Mit der Klärung des Bildbegriffes erhalten wir Einsicht in ein Kräftefeld, dem wir täglich ausgesetzt sind. Mit der Beobachtung, Untersuchung und Beschreibung der visuellen Erfahrungen und visuellen Gestaltung erhalten wir Grundlagen für die Grammatik einer dominanten Wahrnehmungs- und Kommunikationsform.

Immer mehr Menschen arbeiten mit visuellen Mitteilungsformen, sei es, dass wir an der Wandtafel, auf Flipcharts oder in Powerpointprojektionen unsere Inhalte und Anliegen vermitteln oder in Mindmaps Vorstellungen visualieren. Das Visualisieren von gedanklichen Prozessen ist ein Werkzeug für deren Effizienz und auch deren Vermittlung.
Eine kommende Frage wird die nach einer adäquaten Ausbildungsform sein, die der veränderten Situation und Einsicht gerecht würde. Wenn die visuelle Sprache als existentielle Kommunikationsform betrachtet wird, sind die traditionellen Unterrichtskonzepte und Begriffe „musische Bildung“ oder „Kunsterziehung“ nicht geeignet, die bevorstehende Aufgabe zu beschreiben. Sprachkompetenz geht auch beim traditionellen Sprachunterricht nicht aus von möglichen poetischen und literarischen, also künstlerischen Leistungen, sondern von der grundlegenden Beherrschung der Sprache, dem Sprachhandwerk und Sprachverständnis. Auch die oft verwendeten Begriffe Kreativität und Ausgleich zu kopflastigen Fächern zeugen von einem undifferenzierten Verständnis bezüglich der Rolle des Visuellen. Damit Kunstverständnis entwickelt werden kann, müssen ein selbstverständlicher Umgang mit visuellen Ausdrucksformen und die Behandlung der Frage nach dem Wesen des Bildes vorausgesetzt werden.
„Was ist ein Bild?“
Die darauffolgende Frage, wie das Bild zum Abgebildeten, zum Dargestellten oder Bezeichneten steht, hat die Gemüter seit Jahrtausenden bewegt und führt auch heute noch zu Bilderstürmen, zu politisch motivierten Mordbefehlen z.B. im Mohammed-Karikaturenstreit.
Ist das Bild das, was es zeigt? Stellt das Bild Wirklichkeit dar oder ist es ein abstraktes Zeichen für einen bildfremden Inhalt?
Was würden die Worte des Marquis de Sade, die als Texte in jeder Buchhandlung zu finden sind, als Bilder bewirken?


Beobachtungen

Der vorliegende Text geht aus vom Allgemeinen und bewegt sich zum Spezifischen. Er beginnt mit einer Frage nach dem Werkzeug Sprache, und was diese mit dem Visuellen anstellt, dann folgen Beschreibungen des Sehens und der bekannten und weniger bewussten Mechanismen der visuellen Wahrnehmung. Dann beleuchtet er die sprachlichen Zusammenhänge, also wie es um die Bilder und visuellen Zeichen als Kommunikationsmittel steht. Anschliessend wird eine einfache Systematik der Funktionen visueller Zeichen beschrieben, die die Grundlage einer visuellen Grammatik bilden kann. Es wird also nicht eine fertige Grammatik vorgestellt, sondern Beobachtungen und Gedanken, warum eine solche notwenig wird und wie es zu einer solchen kommen kann, worin sich diese auch von unserer üblichen Grammatik unterscheiden muss. Diese Beobachtungen und Erkenntnisse im Bereich der visuellen Wahrnehmung und Gestaltung sind alltäglicher Art. Sie können jederzeit und von jedem gemacht und nachvollzogen werden. Dafür braucht es keine aufwändige Forschung. Das Banale z.B. im Vergleich des akustischen Zeichens der Verbalsprache mit dem visuellen Zeichen in der Kommunikation erhält erst eine gewisse Bedeutung und Brisanz vor dem Hintergrund der sozialen und ökonomischen Wandlung und Bedeutung des Bildes. Querbezüge zu anderen Forschungsbereichen wie der Semiotik, Semantik, der Kunstgeschichte und Kommunikationsforschung sollen verdeutlichen, dass viele unterschiedliche wissenschaftliche Gebiete zentrale Beiträge zur Erforschung der visuellen Sprache liefern. Es wird auch gezeigt, dass das vorwiegend einseitig theoretische Verhältnis zur visuellen Gestaltung in diesen Disziplinen zu problematischen Fragestellungen und missverständlichen Antworten führt.

Bezüglich einer möglichen visuellen Grammatik habe ich die Befürchtung gehört, diese könne der Sache (Kunsterziehung, Gestaltunterricht) einen Bärendienst erweisen. Diese Befürchtungen sind berechtigt, wenn die gewohnte Freiheit des Unterrichtens in den herkömmlichen musischen Fächern in Beliebigleit und Unverbindlichkeit besteht und diese gerettet werden soll.
Da die Grammatik der visuellen Kultur, wie sich herausstellen wird, nicht künstlich aufgebaut, von einem Gremium festgelegt oder revidiert werden kann, sondern höchstens von der Bildenden Kunst reflektiert und erneuert wird, kann sie an dieser Stelle nur beobachtet und beschrieben werden. Eine Visuelle Grammatik kennt keine Rechtschreibung (Rechtzeichnung) und kann also in keinem Fall ein Regelwerk aufstellen, das dann zu befolgen ist, sondern sie beschreibt ein Regelwerk, dass im Normalfall immer und ohne Ausnahme befolgt wird. Der erste Schritt aus einem Regelwerk, wenn dies ein Motiv wäre, ist dessen Erkennen und Beherrschen. Ein Teil dieser Erkenntnis geschieht eben - und das ist das Faszinierende an der Sache - intuitiv und im Gestalten selber.


Entwurf

Ein Merkmal vieler Publikationen der anfangs angesprochenen Textflut, die als Reaktion auf die Bilderflut entstehen, ist die Positionierung in einer der traditionellen Disziplinen. Es gibt sehr spannende Ausführungen im Bereich der Kunst, Kunsttheorie, in der visueller Kommunikation und Erkenntnistheorie. Wie die beobachtete Situation in einen Bezug zur Bildung zu setzen ist und was sie für Konsequenzen in den aktuellen Bildungsreformen haben müsste fehlt oft. Seit den vielleicht etwas provokativen aber trotzdem bemerkenswerten Ausführen von M. McLuhan „Das Medium ist die Botschaft“, haben wir überzeugende Kommentare vom Einfluss der Medien auf unseren Alltag.
Die Schwierigkeit des Umsetzens theoretischer Erkenntnisse auf die Situation im Unterricht besteht einerseits in der Trägheit des Bildungssystems und zweitens im Fokussieren der spezifische Themenweite des Visuellen auf einen umsetzbaren Lehrplan und ein Konsens im Vokabular. Nur schon im Bereich der Farbenlehre gibt es keine allgemeingültigen Begriffe. Viele Künstler, Gestalter oder Pädagogen haben eigene Farbenlehrern entworfen (Goethe, Itten, Runge, Küppers usw.) Jede Firma die Farben produziert, braucht wieder andere Farbnamen.
Eine Grammatik des Visuellen im Sinn einer Grundlage für den Unterricht ist ein umfangreiches und möglicherweise aussichtsloses Projekt und kann nicht die Aufgabe einer einzelnen Person sein. Sie kann nur in einer Zusammenarbeit von Fachpersonen entstehen, wo in einer gemeinsamen Anstrengung eine Klärung der Begriffe, Vorgehensweisen und Werkzeuge versucht wird.
Diesen Text verstehe ich als einen Anstoss und Beitrag zur Diskussion. Viele hier verarbeitete Beobachtungen geschehen in der Praxis des Unterrichtens wie in der gestalterischen Arbeit. Manche Formulierungen und Schlussfolgerungen werden noch nach Überarbeitung verlangen.

21.02.2007

 

Mittel und Fragestellung

Es geht um unseren Umgang mit Bildern und visuellen Zeichen, um die Strukturen und Muster der visuellen Wahrnehmung und Gestaltung und die Frage, ob sich darin Regelmässigkeiten feststellen lassen, die sich als Merkmale für eine visuelle Grammatik erweisen.
Zu Beginn stellt sich die Frage, wie man an eine solche Sache herangeht.
Das schon erforschte und dokumentierte Feld ist unermesslich und unübersichtlich. Unzählige Bücher füllen die Regale über die Geschichte der Bilder, die Geschichte der Kunst, die Bedeutung der Kunst, die Sprachwissenschaften, die visuelle Kommunikation und ihre Teilgebiete wie Farbenlehre, Formenlehre, Typografie und Medienkunde. In jedem dieser Gebiete wird an einer Systematik und an der Vermittelbarkeit gearbeitet. Arbeiten diese Disziplinen nebeneinander und gibt es Berührungsebenen? Methoden und Aussagen einzelner dieser Diszipinen werden in diesem Text angesprochen.
Zu Beginn jedoch eine übergeordnete Frage: Wie ist das Verhältnis zwischen Wort und Bild?
Denn ich brauche ja Worte, um über Bilder und die visuelle Sprache zu sprechen. Was stellen die Worte mit den Bildern an? Was bewirken die Bilder im Text?
Es ist bekannt, dass das Instrument der Untersuchung die Antworten prägt und einschränkt. Ein einzelnes Instrument kann nicht alle möglichen Antworten ermöglichen. Darum muss zu Beginn klargestellt werden, dass ich durch meine Fragestellung und das Mittel Sprache schon in eine bestimmt Richtung ziele und die Antworten strukturiere. Vermittelt und erläutertwird auch das Visuelle vorwiegend mit Worten.
Die wichtigsten Mittel sind jedoch im Medium, dass ich zu untersuchen beginne, selber gegeben. Denn das Medium selber ist Sprache. Die Geschichte der Malerei, der Bildenden Kunst und der visuellen Kommunikation gibt laufend Antworten auf die Frage nach dem Motiv und der Art und Weise dieses Tuns. Da visuelle Bildung nicht Allgemeingut ist, müssen diese Antworten als versteckt betrachtet werden. Nun können die versteckten Anworten, die die Produkte dieser Sprache über sich selber geben, nur die verstehen, die die Sprache auch sprechen. Das führt zum Begriff der Hermetik, des Elfenbeinturmes, in dem der visuelle Gestalter oder Künstler sich befindet und einschliesst. Das schränkt das Verständnis ein auf ein sehr kleines Publikum, auf eine Insiderszene, die sich möglicherweise darin reproduziert und wiederholt.


Theorie und Praxis

Der vorliegende Text gehört damit zu der Menge der sprachlichen Umwege, simpel gesagt, zu den Geschwätzigkeiten, die über etwas referieren, das genug Auskünfte über sich selber gibt, und könnte damit den Anschein machen, dass ein Erkennen der Zusammenhänge des Visuellen die Vorraussetzung für eine hochwertige Bildproduktion und visuelle Sprachschöpfung sei. Die gedanklich vorgenommenen und schlussendlich verbal formulierten Beobachtungen und Schlussfolgerungen befinden sich jedoch in einer anderen Dimension als die visuelle Produktion. Es gibt nicht zwingend eine Schnittmenge. Theorie und Praxis können ohne wesentliche Überschneidungen voneinender getrennt vermittelt, resp. ausgeübt werden.
Kreative Bildproduktion kann nicht als eine Synthese analytisch erworbener Erkenntnisse verstanden werden. Auch hochwertige Gebrauchsgrafik ist immer eine Bilderfindung, eine „Inventione“, wie die Renaissancekünstler diese Fähigkeit nannten, und nicht ein synthetisches Zusammenführen von Technik, Form und Inhalt. In der Werbung wie in der Kunst sieht man immer wieder Beispiele, die offensichtlich gedankliche Konstrukte sind und nicht funktionieren oder sogar, was die visuelle Leistung oder den Werbeeffekt betreffen, kontraproduktiv sind (S. 117). Aus diesem Grund steht nicht die Synthese der Analyse gegenüber, sondern die Produktion oder Schöpfung. Das in der Analyse Zerstörte lässt sich nicht einfach wieder zusammensetzen, synthetisieren, sonst müssten die besten Kunstkritiker und Kunsttheoretiker auch die besten Künstler sein.
Aus der Analyse könnte der Eindruck entstehen, das Rezept für ein gutes Bild sei beschreibbar. Man nehme die Faktoren, die ein Kunstwerk ausmachen, unterscheide von einem gewöhnlichen Bild und bastle mit dem erhaltenen Rezept ein neues. Das funktioniert nicht.
Somit ist auch künstlerische Ausbildung äussert zwiespältig, da Schulung zwingend mit Reflexion und analytischer Tätigkeit verbunden ist. Wer in einen Bildungsprozess involviert ist, Student oder Dozent, muss analysieren und argumentieren können. Vermittel- und lernbar sind nicht Intuition und schöpferische Potenz, sondern Sprachverständnis, das heisst gestalterische Routine, manuelle Fertigkeiten und formale Kenntnisse, für viele Kunstdozenten verpönte Begriffe. Rein künstlerische Ausbildung ist in sich widersprüchlich und nur beschränkt ernst zu nehmen. Dem Kunststudenten nimmt man durch die notwendige analytische Tätigkeit genau die spontane Kraft, die es für Kunstproduktion braucht. Eine Folge dieses Konfliktes ist die teilweise zu beobachtende Intellektualisierung der Kunstausbildung und Kunstproduktion. Die einzige Lösung aus diesem Konflikt ist die gleichzeitige Entwicklung und bewusste Steuerung zweier konträrer Kräfte, was nicht selten zu totalen Produktionsblockaden führt.


Beschreibung

Die Sprache kann Antworten auf die Erscheinungen geben, indem sie diese tastend ergründet und intuitiv agiert und reagiert. Die Auseinandersetzung mit den Bildern kann geschehen, indem man sich auf ein Bild einlässt und das Erlebnis beschreibt. Ein Bild kann den Betrachter ergreifen und die Sprache entwickelt eine poetische, literarische Form der Widergabe dieser Ergriffenheit. So wird der einen Kunst mit einer anderen Kunstform begegnet. Das Ergebnis ist ein subjektives Echo, das durch die Form der Sprache zur Vermittlung führt und von Fall zu Fall, wenn die Form überzeugt, Betroffenheit und Verstehen vermittelt.

Modellbildung, Sinnschichten

Sollen Muster gesucht und Regeln festgestellt werden, muss die Untersuchung analytisch vorgehen. Die Fragestellung zersetzt das Untersuchte, sie spaltet betrachtetes Objekt und Situation auf und muss die entstehenden Teile begrifflich fassen. Dabei muss als erstes festgestellt werden, was die untersuchende Sprache mit dem untersuchten Objekt anstellt. Das forschende Wahrnehmen und Denken greift in die untersuchten visuellen Phänomene mit Begriffen und Fragen. Die Resultate sind auch wieder begrifflich im Denken zuhause, nicht in den Bildern selber.
Wie wenn in der Teilchenphysik kleinste atomare Teilchen mit anderen beschossen werden und anhand der entstehenden Spuren auf das Zerstörte geschlossen wird, müssen die hier erzeugten Aussagen als Spuren für das eigentlich Untersuchte betrachtet werden.
Auf was richtet sich der forschende Blick und was geschieht durch die Fokussierung? Im folgenden Modell geht es um den pragmatischen Umgang mit Bildern und nicht um das theoretische Konstrukt des Zeichens in der Sprachwissenschaft.
In meiner Befragung der Welt der Bilder und visuellen Zeichen gehe ich aus vor einer Untersuchung der visuellen Wahrnehmung oder der Erscheinung als einem Teil der gesamten Erfahrung. Der Begriff Erscheinung impliziert zuerst das Sehen und die Gefahr besteht, dass damit die gesamte Wahrnehmung reduziert wird auf den Sehsinn. Zum anderen müsste festgestellt werden, dass unser forschende Blick kausalsprachlich arbeitet und diese Sprache eine chronologisch-akustische ist. Sie ist eine Sprache des Mundes und Ohres, nicht des Auges. Das Ziel des lesenden Auges sind nicht die geschriebenen Worte sondern die vernommenen. Eins folgt aus dem anderen. Die Sprache funktioniert damit chronologisch bewegt und nicht strukturell-gleichzeitig, wie das visuelle Zeichen. Der Fokus dieser untersuchenden Sprache kann sich nicht auf alles gleichzeitig richten. Unwillkürlich geschieht eine Aufspaltung in drei zentrale Sinnschichten.
Die erste (unterste) Frage richtet sich an das, was vor uns liegt und von allen Sinnen wahrgenommen wird. Was ist das für ein Ding, eine Sache? Was greifen die Hände? Mit was und wie ist es gemacht? Woher kommt es?


Die zweite Frage konzentriert sich auf den hier wesentlichen, isolierten Sinn, das Auge. Was sieht das Auge und wie präsentiert es sich?
Die dritte und oberste Frage richtet sich an einen „übertragenen Sinn“, den „Sinn“, die Botschaft. Was bedeutet es?
Sobald Erscheinung befragt wird, richet sich die Frage also entweder an: 1. physische Präsenz, Material und Medium, 2. formale Erscheinung, 3, Bedeutung und Funktion. Alle Fragen an Erscheinung können einer dieser Schichten zugeordnet werden.
Da es in unserem Fall um visuelle Zeichen und Bilder geht, also um Elemente der visuellen Sprache, können die drei Schichten begrifflich präzisiert werden. Sie sind:
1. Medium
2. Form
3. Bedeutung.

Alle Fragestellungen und Merkmale der visuellen Zeichen können unter eine dieser Kategorien gestellt werden. Das entstehende Modell bewährt sich dann, wenn die weiteren Aspekte in der Untersuchung darin positioniert werden können.


Analyseschichten

Inhalt oder Funktion beschreiben, wie und was aus der Form gelesen und aus ihr an Bedeutung erkannt wird. Der Inhalt ergibt sich aus der Erscheinung (Gesamtheit) des Zeichens sowie dem bildlichen und textuellen Kontext, also der kulturellen Situation. Die Frage nach der Konvention, also woher unsere Fähigkeit kommt, das Zeichen zu lesen und zu verstehen, setzt voraus, dass ein Zeichen etwas bedeutet und eine Funktion in der Kommunikation übernimmt. Dass ein visueller Sachverhalt mehr ist als die Anwesenheit von Form und Farbe macht ihn zu einem sprachlichen Element. Die Beschreibung der Bedeutung eines visuellen Zeichens führt tendentiell weg vom Zeichen selber, da es als Transportmittel (Code) für eine Botschaft angesehen wird, die demnach auch mit einem anderen Medium oder einer anderen Sprache vermittelt oder zumindest wiedergegeben werden kann. Wird der Sprachbegriff so eng gefasst, dass nur Übersetzbares sprachlich ist, wird dies beim visuellen Zeichen zu Problemen führen.
Die Form beschreibt die im Medium realisierte Gestalt des Zeichens, z.B. die Verteilung und Ordnung der Farb- und Helligkeitswerte innerhalb der Fläche des Zeichens (Bildes). Eine rein formale Beschreibung betrifft die Komposition noch unabhängig vom Lesen und Erkennen dargestellter Gegenstände, sie ist damit weder vorikonografisch noch ikonografisch, um mit dem Vokabular des Kunsthistorikers Erwin Panofsky zu sprechen. Neben der erlernten Konvention eines visuellen Zeichens (Symbol) bestehen formale Verwandschaften zur visuellen Erscheinung des dargestellten Gegenstandes in der Wirklichkeit. In dieser „Ähnlichkeit“ oder „Deckungsgleichheit“ liegt eine zentrale Begründung der Lesbarkeit visueller Zeichen (ikonische Zeichen).
Das Medium beschreibt die materiellen, handwerklich-technischen Aspekte des Zeichens. Die Beschreibung des Medium führt weg vom betroffenen Rezeptionsorgan, z.B. dem Auge, und behandelt ebenso die Erfahrungen der anderen Sinne. Es werden die Entstehungs- und Produktionsbedingungen sowie die materielle Zusammensetzung von Farbe (Pigmente und Bindemittel) und Bildgrund, Gewicht, Geruch, Geschmack usw. beschrieben.

 

Mario Leimbacher