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A.I.P./ BÜRO
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pat
patua
patua
Westbengalens
Santal
- patua
Binti
pat
Jagannath
pat
Jom
pat
Kali
pat
chakshudan
pat
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pat
Die Herkunft des Wortes pat (pata, pot usw.), des heutigen Begriffs für
"Bild" oder "Bildrolle," ist unklar. Die allgemeine Lehrmeinung führt es
auf das Sanskritwort patta für Jutestoff zurück; mit Lehm und Kuhdung beschichtete
Jute war der ursprüngliche Bildträger von Rollenmalerei.
patua
In Bihar sind es meistens Männer, die als Maler und Sänger mit
einem Bündel pat (Bildrollen) unterwegs sind.
Hinweise auf eine Bildrollentradition in Indien finden sich in der
buddhistischen Literatur bereits seit dem Beginn unserer Zeitrechnung. Der
Dichter Kalidasa, der Ende des 4., Anfang des 5. Jahrhunderts gelebt haben
soll, erwähnt die Bezeichnung "chitrakar" ("Bildermacher", "Maler" - Kastenbegriff
der patua, der von ihnen oft als Nachnamen verwendet wird) und die Aufführung
von Rollbildern in zwei seiner Dramen. In Indien ist die Tradition des Bildrollenvortrags
vor allem im Westen und Osten des Landes lebendig: |
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Die patua Westbengalens, direkte Verwandte
der Santal-patua, wechselten im Laufe ihrer Geschichte mehrfach ihre religiöse
Zugehörigkeit und praktizieren heute eine Kombination von islamischen
und hinduistischen Bräuchen mit dem Resultat, dass sie von keiner der
beiden Religionsgruppen als vollwertige Mitglieder anerkannt werden. Gefallen
am ländlichen Reisbier finden könne. Zum klassischen Repertoire der bengalischen
patua gehören die Ereignisse des Ramayana und Mahabharata, ferner Krishnalegenden,
manasamangala und andere lokale Götterlegenden. Sie malen und singen jedoch
auch Bildrollen zu aktuellen Themen: sie singen von spektakulären Busunfällen,
von Liebe, Eifersucht und Mord, ferner Lieder gegen das ruinöse Mitgiftssystem
Indiens, gegen den Kahlschlag der Wälder, für sittsamen Lebenswandel im
Sinne der Aidsprävention und dergleichen mehr. Hinzu kommen hin und wieder
kurzlebige Absonderlichkeiten wie z.B., angeregt von der Alliance Francaise
in Calcutta, ein pat zur Zweihundertjahrfeier der französischen Revolution,
oder, angeregt von einem amerikanischen Sammler, ein pornographischer
Schmuddel-pat. Das Modethema der patua-Jugend in den vergangenen zwei
Jahren waren Bilder und Bildrollen über Dinosaurier. Die bengalische Bildrollentradition
ist dank ihrer Innovationsfähigkeit vielleicht die einzige der aufgeführten
Traditionen mit einer Zukunftsperspektive. Bengalische patua-Frauen, die
erst in jüngerer Zeit begonnen haben, selbst pat zu malen, zeigen den
Mut zum Bruch mit der formalistisch erstarrten Malweise der Männer,
Ein Seitenzweig der bengalischen pat-Tradition sind die Santal-patua
(auch Adivasi patua, jadu patua, patkar usw.) Sie leben in den Stammesgebieten
Chotanagpurs und der Santal Parganas in Südbihar, sowie in den angrenzenden
Gebieten Bengalens und Orissas. Ihre Klientel sind hauptsächlich adivasi,
d.h. "Ureinwohner" - Angehörige des Santalvolkes und anderer Stämme Bihars.
Die Geschichte der Santal-patua ist bislang kaum erforscht. Alle von uns
getroffenen Santal-patua Bengalisch als ihre Muttersprache an, sie bezeichneten
sich selbst als Bengalen und erklärten die räumliche Distanz ihrer Häuser
zu denen der adivasi mit der Unvereinbarkeit ihrer eigenen, bengalisch/hinduistischen
Sitten und Bräuche und denen der Santal. Von den ansässigen Hindus und
Moslems werden sie verachtet, den Santal gegenüber neigen sie jedoch zu
einem Gefühl moralischer und kultureller Überlegenheit und massen sich
die Rolle von "Gurus" oder "Thakurs", d.h. Brahmanen an. Die von uns interviewten
Santal ihrerseits bezeichneten die patua als Bengalen, deren Kenntnisse
der Santalsprache und der von ihnen gemalten Santal-Mythen zu wünschen
lasse. An welchem Punkt der Vergangenheit sich die Santal-patua vom Hauptstamm
ihrer bengalischen Tradition trennten ist unbekannt. Faivre (1980) erwähnt
Begegnungen mit Santal-patua, die noch den Herkunftsort ihrer Vorfahren
in Bengalen nennen konnten.
Der unüberschaubaren Menge der von den "Bengalen" behandelten Themen,
steht nur gutes halbes Dutzend Themen von Santal pat gegenüber; J.-B.
Faivre (1980) unterscheidet deren sieben:
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Binti
pat ist der detail- und umfangreichste pat. Er illustriert die
Schöpfungsgeschichte der Santal und die Entstehung ihrer Clans und endet
meist mit einer Selbstdarstellung des ersten patua, der für das verstorbene
erste Menschenpaar Pilchu Haram und Pilchu Budhi chakshudan praktiziert.
Bei aller Länge illustriert diese Rolle den Schöpfungsmythos der Santal
doch in arg verkürzter und für die Zwecke der patua praktikabler Form.
Eine Rezitation des Schöpfungsmythos, wie sie von den Santal selbst bei
rituellen und festlichen Anlässen stattfindet, dauert immerhin eine ganze
Nacht lang.
Jagannath pat.
Diese Rolle wird mit einer Darstellung der drei Jagannath-Gottheiten von
Puri eröffnet, (die vor Santal-Publikum als Stammesgottheiten ausgegeben
werden); es folgt die Geschichte des Königs Indra Raja und seiner achtzehn
geopferten Söhne, aus deren Blut die achtzehn Ströme entstanden, die der
Pilger auf seinem Weg zum Jagannath-Tempel in Puri (Orissa) zu überqueren
hat. Danach folgen entweder Szenen vom baha (=Blumen)-Festival der Santal
- das Opfer an die Gottheiten des heiligen Walds und Bilder vom anschliessenden
Tanz und Festmahl, oder die Geschichte geht nahtlos über in einen jom
pat.
Jom pat (oder Yama pat):
Dieser pat gehört zu den ältesten überlieferten Bildrollen Indiens überhaupt;
er zeigt in drastischen und oft gewalttätig sexuell gefärbten Bildern
die Strafen, die einen verstorbenen Sünder bzw. eine verstorbene Sünderin
im Reiche König Yamas, des Herrn der Hölle, erwarten.
Kali
pat - die kürzeste Bildrolle im Repertoire der Santal-patua, die
oft nur aus einer oder zwei Szenen mit Darstellungen der rasenden Kali
und menschenfressender dakini-yogini in ihrem Gefolge besteht. Auch Kali
pat mündet oft in den Szenen eines jom pat.
Krishna Lila pat illustriert die Spiele Krishnas mit den Gopis
und die Liebe von Krishna und Radha; seltener auch die Erzählungen von
seiner Kindheit und seinen Streichen.
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Ein letzter Typus von Santal pat ist chakshudan pat :
Dabei handelt es sich nicht um Bildrollen, sondern um handtellergrossen
und in einfacher Linienzeichnung ausgeführten Darstellungen verstorbener
Santal.
Sie findet Verwendung beim
chakshudan-Ritual, "die Verleihung des Augenlichts", das den Santal-patua
die Bezeichnung jadab thakur (Zauberpriester) eingetragen haben. Sobald
ein Santal-patua von einem Todesfall erfährt, geht er in das Dorf, hört
sich um und sucht dann das Trauerhaus auf: Er agiert nun als Guru : Der
Geist des Verstorbene sei ihm im Traum erschienen, er irre blind zwischen
den Welten umher und könne nicht ins Land seiner Ahnen eingehen, bevor
nicht er, der thakur, die angemessenen Riten vollzogen habe. Mit Hilfe
einer kleinen Zeichnung in der Hand praktiziert er chakshundan («die Augen
geben»).- ein Ritual, das der Seele des Verstorbenen eine Wiedergeburt
als sehendes Wesen ermöglicht -als Mensch oder Tier, je nachdem wie er
gelebt hat.
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A.I.P./
BÜRO 64
Der
Verein für interkulturelle Projekte (Association for Inter-Cultural Projects,
A.I.P / Büro 64, mit Sitz in Zürich und Düsseldorf, arbeitet seit fünf
Jahren an interkulturellen und interdisziplinären Projekten mit Volks-
und Stammeskünstlern in Indien.
1996 organisierten Markus Mussinghoff, Samuel Schütz und Thomas Kaiser
im Rahmen der Association for Inter-Cultural Projects/BÜRO 64 eine Ausstellung
in Kooperation mit bengalischen patua in Calcutta: REKLAME 1.
Für den Zeitraum eines Monats mieteten wir ein halbes Dutzend der riesigen
Plakatwände an zwei Verkehrsknotenpunkten Calcuttas und liessen darauf
von den patua und von uns selbst für das Vorhaben hergestellte zeichnerische
Entwürfe von professionellen Plakatmalern umsetzen. "Und endlich haben
die patua Bengalens den Himmel berührt. Vom Boden ihres Dorfes Naya hoch
in den Himmel Calcuttas - ermöglicht wurde das Unmögliche durch die Bemühungen
von drei ausländischen Künstlern" (Anandabazar Patrika vom 25. März 1996).
Der Ausstellungstitel REKLAME war durchaus programmatisch gemeint, und
unseren bengalischen Kolleginnen und Kollegen zu einem kleinen Höhenflug
zu verhelfen, lag ganz in unserer Absicht. Uns Europäer interessierte
jedoch viel mehr jener Boden, die Wurzeln einer nomadischen Kunst, einer
Kunst, die ihren Autor nicht als Ballast von Werk und Eitelkeiten fesselt,
sondern ihre eigenen Wege geht, sei's in den Himmel Calcuttas, oder sei
es im verklingenden Atem einer Stimme, und dem Künstler die Freiheit lässt
zu wandern.
1999 folgt mit der Ausstellung KLINGEDE BILDER das Folgeprojekt von REKLAME
1 Im «Haus zum Kiel» ist mit 75 Bildrollen der Reichtum dieser ursprünglichen
und unverbrauchten Malerei zu sehen. Die ausgestellten Bildrollen wurden
im Verlauf der letzten fünf Jahren während unserer Zusammenarbeit mit
den Bildrollenmalern erworben.
Der Katalog führt mit zwei ausführlichen Interviews ein in die Lebensweise
der heutigen Santal-patua. Im zweiten Teil ermöglicht eine Bild/Text-Version
der Schöpfungsgeschichte Einblicke in die komplexen Zusammenhänge zwischen
Wort und Bild.
Eine Videodokumentation zeigt Santal-patua bei der Ausübung ihres «multimedialen»
Handwerks.
Die Ausstellung ermöglicht eine Annäherung an eine Welt, die bei aller
Fremdheit der Kultur, Geschichten zu erzählen vermag, die nachklingen....
Ausstellungsorganisation: A.I.P./ Büro 64 und Museum Rietberg Zürich
ADRESSE :
A.I.P / Büro 64
Postfach 14
8037 Zürich
e-mail: vddzberat@access.ch
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