Adi Pot (Schöpfungsgeschichte)

 

Von Sadananda Chitrakar, einem ca. 85-jährigen Santal-patua
Aufgenommen in Majuramura, Purulia, Westbengalen, am 16. August 1998

Übersetzung aus dem Santali: Ganesh Murmu
Aufnahme und Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Kaiser
(vgl. Katalog <Klingende Bilder>)

 

 
 

Es existiert eine Philosophie aus uralter Zeit.

Singh Bonga, Maran Buru, Nida Chando -

Gemeinsam erschufen sie einen heiligen Hain.

Maran Buru hatte zwei Kühe, und sie kamen herab

im Gebiet von Hihiri Pipiri, Chae Champa, Tore Sutam, Baha Bandela, Ganta Bari, Ingu Buru,

und dort war Wasser und Wasser und Wasser.

Einst kamen die Kühe herab, um von diesem Wasser zu trinken.

Überall Wasser und Wasser; sie kamen herab – sehen Sie hier – um zu trinken.

Und in jenem Moment flogen zwei Insekten aus ihren Mäulern und flogen hinunter zum Wasser;

sie trieben dahin und strandeten in Khojkaman.

Nach zwölf Jahren wurden zwei Insekten geboren,

sie flogen umher wie vomar-Vögel

und schnatterten Tag und Nacht.

Maran Buru gab ihnen die Namen Hans und Hansli;

Doch als er Thakran begegnete, beklagte sich Maran Buru darüber,

dass Hans und Hansli nur immerzu klagten.

Bei Tag und bei Nacht fanden sie keinen Platz, um zu ruhen,

wo sollten sie ihren Platz finden?

Thakran sprach: "Sorge dich nicht, Maran Buru!"

Und Maran Buru beschloss, die Welt zu erschaffen.

Sie erschufen karam dandi,

und sie erschufen karam-Baum und siram-Gras.

Die Vögel Hans und Hansli zerbrachen den karam dandi, um sich ein Nest zu bauen,

und legten dort zwei Eier.

Aus diesen zwei Eiern wurden Pilchu Haram und Pilchu Budhi – kleine Kinder – geboren.

Maran Buru war nun sehr darauf erpicht, die Erde zu erschaffen.

"Wie bringen wir sie hoch (aus dem Meer)?"

Und ein Garnelenpaar, Steinkrabbe, raghop‘ boar-Fisch und Schildkröte (wurden gerufen).

Die Beine der Schildkröte wurden gebunden, Erdwurm brachte den Schlamm hoch auf ihren Rücken,

und auf ihrem Rücken wurde die Erde geschaffen.

Der Schildkrötenkönig weinte und klagte; er sagte zu Maran Buru:

"Ich kann diese grosse Erde nicht ganz alleine tragen!"

Maran Buru sagte, "weine nicht, ich will deinen Freund bitten, dir zu helfen!"

Und Maran Buru fragte: "Wie können wir die Erde festigen?"

Er zupfte sich einige Haare aus dem Schnurrbart,

und als er sie hinunter warf, wuchs dhobi-Gras auf der Erde.

Danach wurden Berge errichtet, wie der Berg Dalma;

sie machten die Erde stark und fest.

Pilchu Haram und Pilchu Budhi errichteten eine Hütte aus Stein, wo sie blieben,

und sie wuchsen auf an jenem Ort,

und Sinchando schien auf sie herab.

Sinchando sagte, "ich kann mich nicht um diese beiden Menschen kümmern!"

Maran Buru entgegnete, "warum kannst du das nicht?

Für diese beiden Menschen erschufen wir die Erde!"

Und Sinchando schämte sich bei Maran Burus Worten.

Nun erschuf Sinchando das Sonnenpferd, und Maran Buru sagte:

"Dieses Pferd zerstampfte das Kind!"

Maran Buru erschuf zwei Hunde,

und die Hunde verjagten das Sonnenpferd.

Sie steckten einen Wagen von zwölf Ellen Länge in Brand –

"Dieses Feuer werden meine Kinder nicht überleben!"

Und um die zwei Kinder zu retten, erschuf Maran Buru den Berg Boro Buru,

und machte Boro Buru so kalt, dass kein Feuer dort brennen konnte.

An jenem kalten Platz wurde das Leben von Pilchu Haram und Pilchu Budhi gerettet.

Sinchando fragte, "wie können sie leben an jenem düsteren Ort?"

Und Maran Buru erschuf den Hahn.

Der Hahn krähte, und der Morgen dämmerte.

Und Sinchando grüsste und sprach zu Maran Buru:

"Das Leben der Menschheit ist kostbar – möge es wachsen in alle Ewigkeit!"

Damals ging Budhi, sie trug auf dem Kopf einen Korb voll Grassamen und sammelte ranu,

und Haram ging nach Nale Talwar, und an einem Ort genannt Lugu Buru

brauten sie Reisbier, wozu sie gungu-Blätter falteten.

Sieben Söhne und sieben Töchter wurden geboren.

Pilchu Budhi sagte, Haram, lass uns von diesem süss schmeckenden Reisbier kosten!"

Pilchu Haram entgegnete, "sei du bloss still!

Im Namen Maran Burus muss ich erst einen Becher Reisbier vergiessen."

Budhi machte aus Blättern drei Becher und füllte sie mit Reisbier.

Einen Becher vergoss Haram im Namen Maran Burus.

Haram und Budhi kosteten und fanden es überaus schmackhaft;

Sie tranken und wurden betrunken, und ihre Kinder kamen zur Welt.

Sie tranken, und er zog sie bei den Haaren und schlug sie.

Maran Buru kam herunter und fragte, "weshalb streitet ihr?"

Budhi gab zurück, "wie soll ich sagen – Haram, der Dreckskerl, tötete und verbrannte mich,

und er nahm all unsere Kinder."

Und Maran Buru sagte, "Budhi, sei still und höre auf zu zanken.

Du nimmst deine sieben Töchter mit dir, und Haram nimmt sieben Söhne."

Haram führte seine sieben Söhne in den Wald von Khanderai,

und Budhi führte ihre sieben Töchter in den Wald von Sukuruc.

Budhi führte sie dorthin, um grüne Blätter zu sammeln,

und Haram führte sie in den Wald von Khanderai;

sie trennten Söhne und Töchter.

Die Töchter glichen glühenden Kohlen im Feuer;

zwei Mädchen sangen, und zwei Jungen antworteten wie ihr Echo.

Die Mädchen riefen, "ihr jüngeren Brüder, schaut her!

Hier läuft das Fleisch des gefleckten Hirschs!

Er kommt von dort drüben herüber gelaufen!"

Die beiden Jungen hörten und entgegneten:

"Unser Vater ist verrückt!" –

"Euer Hund ist hier – vielleicht beisst er uns!"

"Frage du sie, Bruder, welchem Clan sie angehören!"

Die Mädchen antworten: "Irdener Krug, Palmenblatt, Tragreifen, Wasserquelle, Wasser tragen."

Und sie fragten, "zu welchem Clan gehört ihr?"

Die Jungs antworten: "Gekrümmter Griff des Pflugs, hisel-Baum, Stock, Strasse, Sand, pflügen.

Unser Clan ist dahar dhuri."

Im (Feld von) dhubi-Gras strichen die Brüder sindur in die Scheitel der Schwestern.

Haram und Budhi erfuhren davon und sagten, "wir halten unser Leben nicht länger."

Maran Buru kam herab und fragte, "warum wollt ihr eure Leben nicht länger behalten?"

Und sie antworteten, "Brüder und Schwestern heirateten einander,

ihr Ansehen unter den anderen wird leiden."

Doch Maran Buru sagte, "werft euer Leben nicht fort!

Bedenkt sari sarjom, khode matkom, ere atna, (lepic tiril, peter bare.)"

Bei den Lotosblättern von Ladu Band setzten die beiden sich hin und gelangten zu einer Entscheidung.

Sie besprachen und beschlossen, verschiedene Kasten zu gründen.

Soren Sipahi, Kison Kisku, Mahan Mardi, Cheka Murmu, Angharia,

Chore Para, Hembrom, Hansda Baba, Murmu Baba – sie gaben diese Namen.

Sie sagten, "Heirat zwischen Bruder und Schwester soll niemals erlaubt sein," und trennten die Clans.

In alten Zeiten beschlossen die Ahnen der Santal, nicht innerhalb des Clans zu heiraten,

und dieser Tradition folgen sie auch heute.

Hier ist der Priester Haram;

mit gebeugten Knien opfert er weisse Hähne, weisse Ziegen im heiligen Wald

Mit dem Opfer wurden die bonga und der Dorfgründer besänftigt.

Nach der Besänftigung der Götter tanzten die Mädchen des Besra-Clans,

und die Jungen der Tudu schlugen ihre Trommeln.

Zwei Mädchen der Besra singen:

" Kleine kleine dumduk

Dumduk aus Gold gemacht.

Tamak aus Messing gemacht.

Die Enden der Schlegel meines Liebsten in Münzensilber gefasst,

Liebling, wir hören deine Trommel: gumur gumur

Ihr Klang dringt bis nach Janum Ghutu,

der Klang dringt bis nach Jaher Ghutu."

Und die Jungen der Tudu gerieten aus dem Takt

und konnten ihre Trommeln nicht mehr spielen.

Es existiert eine Philosophie aus uralter Zeit;

es existiert eine Philosophie aus uralter Zeit.

Hier opferte Jong

und Lita buk Brot,

Karu ass und Kalia briet,

Suku verbarg sich und Chanda trat,

Nondo verschloss und Bunum versuchte –

Daso blieb zurück und bekam überhaupt nichts!

Es existiert eine Philosophie aus uralter Zeit.

In alter Zeit herrschte bei den Handi Murmu der Brauch,

einen Ochsen zu schlachten, indem man ihn auf den Kopf schlug mit dem Rücken der Axt.

Benommen taumelte der Ochse in den Stall:

Statt des Kopfs hatte er seine Kehrseite getroffen!

Benommen drang der Ochs in den Stall;

die Frau sagte, "beeilt euch und bringt eine Schüssel –

sein Fett tropft und geht uns verloren!"

Da packte Jog Manjhi Haramden Ochsen beim Schwanz, und dieser sprang hoch und schlug aus.

Es existiert eine Philosophie aus uralter Zeit.

Zwei Hüterjungen fanden eine Python;

Sie packten die Schlange beim Schwanz und schwangen sie um den Kopf als brennten sie Kalk.

Sie hängten sie an den atna-Baum und häuteten sie.

"Oh Bruder, wo ist das Messer, wo ist Gelbwurz und Salz?" –

"Der Stein selbst ist Messer, der Stein selbst ist Löffel, der Stein selbst ist turmeric, der Stein selbst ist Topf!" –

"Oh Bruder, lass uns gemeinsam rühren!" –

"Nun denn, so lass uns rühren!" –

"Oh Bruder, wirst du die Portionen verteilen?" –

"Nein, Bruder nein! Der Jüngste soll teilen,

und seine Portionen werden uns allen genügen."

Der Jüngste verteilte das Fleisch auf Blätter,

und mit dem, was er gab, waren alle zufrieden.

Hier schoss der Chil Bindhi Gidi Hansda den Geier.

Dieser Geier, wie in vergangenen Zeiten, schoss herab und fing Hühner;

er trug auch kleine Kinder fort, und keiner konnte ihn töten.

Da nahm der Chil Bindhi Gidi Hansda einen argom

und schoss einen Pfeil durch das Loch.

Der Pfeil fiel zur Erde,

der Vogel war getroffen und fiel; er bedeckte eine Fläche von zwölf bigha;

der Pfeil fiel zwölf bigha entfernt.

Es existiert eine Philosophie aus uralter Zeit.

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An dieser Stelle fehlt in Sadanandas Version eine Episode, die sonst in fast allen pot-Darstellungen des Schöpfungsmythos erscheint, und die wir im folgenden aus der Version Premanandas, seines Bruders, einfügen:

 

In längst vergangener Zeit führte am Ufer des Jaynagar-Flusses

Goda Mardi seine Wasserbüffel zur Weide;

flussabwärts wusch ein Mädchen der Kisku seine Wäsche.

Goda Mardis Haar mass zwölf Ellen.

Aus dem Blatt eines Sal-Baumes rollte er ein beedie,

ein Haar geriet ihm hinein, und er warf’s in den Fluss.

Das Kisku-Mädchen fand es, ergriff es und fand das lange Haar.

Sie nahm es mit nach Hause und schloss Türe und Fenster.

Seine Eltern fragten, "warum schliesst du Tür und Fenster und sitzt nur im Haus?

Sage uns, wer hat dich geschlagen oder verletzt –

Wir sind die Angehörigen des Königsclans!

Wir werden ihn, der dich verletzte, fangen und zu dir bringen." –

"Niemand schlug und niemand verletzte mich;

doch es gibt etwas – wenn ihr es sucht und mir bringt,

so werde ich Türe und Fenster öffnen!"

Die Eltern fragten, "was ist es?" –

"Zwölf Ellen langes Haar – die Person, der es gehört.

Wenn’s ein Junge ist, so will ich ihn heiraten.

Wenn es ein Mädchen ist, so soll sie meine Freundin sein."

Sie suchten und fanden: das Haar gehörte Goda Mardi.

Er sass unter dem Heustock und flocht eine Strohschnur;

Er verbarg sein Bein unter Stroh.

Die Eltern erinnerten sich des Versprechens ihrer Tochter;

Und Goda Mardi war Willens, die Tochter zur Frau zu nehmen

Sie heirateten - Mardi und Kisku.

Frisch verheiratet sah das Mädchen – sein Bein war unförmig dick.

"Ich werde nicht mit ihm gehen!"

Und der Mardi-Junge schlug dem Kisku-Mädchen den Kopf ab.

Mardi und Kisku begannen eine Fehde, die für immer andauern sollte -

keine Ehen mehr zwischen den beiden -

und der Mardi beschloss, das Pferd des Kisku-Jungen zu stehlen.

Er packte es beim Schwanz und zog es fort.

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(Fortsetzung von Sadananda Chitrakars Text: )

 

Dies ist die Geschichte der Kisku und Mardi.

Das Pferd des Kisku – Kisku und Mardi begannen zu kämpfen.

Das Pferd des Kisku, von Mardi gezogen;

er zog es beim Schwanz und das Pferd schlug aus.

Kisku und Mardi fochten mit Äxten,

niemals heiraten sie einander, zu heftig war der Kampf.

An diese Stelle legten sie einen Stein und verschlossen den Weg;

so wurde der bonga der Murmu errichtet.

In dem Moment, wenn du zur Welt kommst, steht dein Glück schon geschrieben.

Es existiert eine Philosophie aus uralter Zeit.

Sadananda Chitrakar sang diesen Adi-pot zum Wohle künftiger Generationen.